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Brasilien: Vertrieben für die WM? O-Ton Maria Lucia

Sie sind ärmer als die meisten Armen in Brasilien: Die Obdachlosen von Salvador leben auf der Straße. Ihr Hab und Gut tragen sie immer mit sich herum. Manchmal errichten sie sich notdürftige Unterkünfte aus Kartons und Plastikfolie. Menschen ohne festen Wohnsitz – mit diesem verstörenden Bild möchte sich die WM-Stadt Salvador offenbar nicht präsentieren. Bereits beim Confed-Cup, der als Generalprobe für die WM gilt, deportierte die Stadtverwaltung die Obdachlosen. Projektpartner von Brot für die Welt berichten, dass an mehreren Stellen Dutzende nachts in Fahrzeuge eingeladen und gegen ihren Willen in eine ehemalige Nervenklinik gebracht wurden. Dort fehlte es an allem: sauberes Wasser, funktionierende Toiletten, Elektrizität, Essen. Kein gutes Leben – doch die Verwaltung zwang sogar schwangere Frauen in das Haus. Dort gebaren sie ihre Kind.

 

Zur WM befürchtet das Team des Brot für die Welt-Projektpartners Movimento de População de Rua Ähnliches. Doch selbstbewusst machen sie den Verantwortlichen klar: Auch Obdachlose sind Bürger Brasiliens. Deswegen haben sie Rechte wie alle anderen auch. Niemand darf vertrieben werden. Politik und Verwaltung müssen auch für die Obdachlosen da sein. Ihr Hauptquartier haben sie in einer ehemaligen Suppenküche. Statt Almosen gibt es dort nun Rechtsberatung.

07:01 | 15.04.2014

"Mein Name ist Maria Lúcia, ich bin Teil der nationalen Bewegung der Menschen, die auf der Straße leben. Das ist eine Bewegung von Menschen, die zurzeit auf der Straße leben oder die früher auf der Straße gelebt haben.

Obdachlos zu sein bedeutet, in der Öffentlichkeit unsichtbar zu sein, diskriminiert zu werden; alltäglich sind wir Opfer von Vorurteilen. Wir sind Leute, die kämpfen, um zu überleben. Ich denke, das ist das richtige Wort: überleben! Wir sind Leute, die häufig Opfer von Morden werden, verletzt in unseren Grundrechten: dem Recht auf Gesundheit, Wohnraum und vor allem dem Recht auf Leben.

In allen WM-Städten werden, genauso wie es vorher beim Confed-Cup passiert ist, die Obdachlosen mittels Zwangseinweisungen weggeschafft und – jetzt werden Sie staunen -  das geschah nicht, um für diese Personen zu sorgen, sondern um sie wegschaffen zu können, den vermeintlichen Dreck zu verstecken und die armen Menschen der Stadt, damit die Touristen ein geschminktes Brasilien sehen, ein Brasilien, das wirklich nicht das zeigt, wie wir hier leben.

Beim Confed-Cup hat die Stadtverwaltung von Salvador erreicht, dass eine Organisation einer evangelikaler Gemeinde den Abtransport dieser Leute nachts  durchführen konnte, das heißt mit Tritten und Wasserwerfern. Diese Leute wurden in Kleinbusse und in Autos gesteckt und sie fuhren mit diesen Leuten in eine alte Nervenheilanstalt, die wiedereröffnet wurde, um diese Menschen aufzunehmen. Uns ist es gelungen, in dieser Einrichtung ungefähr 600 Menschen aufzuspüren,  die dort ohne das Nötigste leben mussten: ohne Matratzen, ohne Essen, auf dem Boden schlafend, und vor allem unter freiem Himmel lebend, mit offenem Abwassersystem, mit Gewalt, das heißt, einer klaren Verletzung der Rechte dieser Menschen.

Alle, absolut alle Rechte dieser Menschen wurden verletzt! Das Recht zu kommen und zu gehen, wann man will, das Recht auf Respektierung der Menschenwürde. Das Recht der Leute auf Gesundheit wurde verletzt, von dem Moment an, in dem diese Menschen an Orte mit offener Kanalisation, mit Ratten, ohne das Mindestmaß an Würde gesteckt wurden. Auch das Recht auf Sicherheit dieser Menschen, denn an diesen Orten kam es zu zahlreichen Auseinandersetzungen, Konflikten mit Stichwaffen, viele Menschen wurden verletzt. Auch das Recht der Kinder wurde verletzt, denn viele Mütter gebaren Kinder in dieser Situation, die Neugeborenen hatten nicht ein Minimum an Überlebensbedingungen an diesen Orten, es gab alte Menschen an diesen Plätzen, es gab Menschen mit geistigen Behinderungen. Also können wir sagen, dass vielfältige Verletzungen der Rechte dieser Menschen stattgefunden haben.

Das schließt auch die Ernährung ein, denn sie hatten nicht einmal Recht auf eine würdige Ernährung. In Wahrheit haben wir große Angst. Wir haben versucht, einige Dinge sicherzustellen, mit Arbeitsgruppen und den Verantwortlichen für die öffentliche Sicherheit, etwa mit der Möglichkeit, eine WM-Beobachtungsstelle zu haben. Wir haben versucht, mit verschiedenen Ministerien zu reden, mit dem öffentlichen Rechtsschutz zu reden. Mit jedem Tag rückt das erste Spiel der Weltmeisterschaft näher. Bald kommen die ersten Touristen. Für uns sind das Schreckensmomente, wir haben große Angst, vor allem, da wir eine Bewegung sind, die für Aufsehen sorgt, doch wir wissen auch, dass unser Kampf ein ungleicher Kampf ist.

Ab dem Moment, an dem du einer Person nur eine Suppe und eine alte Decke gibst, hilfst du dieser Person nicht, aus dieser Situation herauszukommen. Was diese Person braucht, ist, mit Würde behandelt zu werden, als Mensch. Diese Person hat das Bedürfnis, ein Zuhause zu haben; die Straße wurde nicht dafür gemacht, dass Menschen auf ihr wohnen. Diese Menschen sollten ihr eigenes Zuhause haben, ihre Arbeit, Essen; sie wollen von ihrer Arbeit leben können. Diese Menschen sollten essen können, was sie möchten, ein Zuhause haben können und auf die Straße gehen können, um spazieren zu gehen.

Wir erklären den Leuten hier, erstens, dass sie Rechte haben – und auch Pflichten – und bilden sie weiter, damit sie sich nicht mit ihrer Lage abfinden und ihre Lage, so wie sie ist, akzeptieren. Wir versuchen also, eine Kultur zu verändern, damit die Menschen die Art und Weise, wie sie leben, nicht akzeptieren, sondern wirklich versuchen, Teil einer Gesellschaft zu sein.

Ich denke, erstens brauchen die WM-Besucher aus Deutschland einen kritischen Blick. Brasilien ist nicht das, was unsere Regierung als Bild dort draußen verkauft. In Brasilien gibt es immer noch viel Armut, in Brasilien gibt es immer eine große soziale Ungleichheit. Dass die Besucher, wenn sie hier herkommen, um diese wunderschönen Tage zu verbringen, sehr teure Eintrittskarten zahlen, und in Restaurants und an anderen Orten regelrecht ausgenommen werden, trotzdem imstande sind, das alles auch kritischer zu sehen.

Die Brasilianerinnen sind nicht einfach - sagen wir - Sexualobjekte, unsere Kinder sind keine bedauernswerte Wesen, die Straßenbevölkerung besteht nicht aus Armseligen und Dieben, trotzdem gibt es Ungleichheit. Von dem Moment an, ab dem die Gäste kommen, ist Brasilien bereit, sie zu empfangen, aber sie sollten uns mit Respekt betrachten. Das Geld, das für die Weltmeisterschaft ausgegeben wird, könnte sehr gut für bessere medizinische Versorgung verwendet werden, für bessere Schulen und einen besseren öffentlichen Nahverkehr in der Stadt. Aber es wird ausgegeben, um die Gäste zu empfangen. Es ist wichtig, dass uns die WM-Besucher wenigstens mit Respekt und mit Würde behandeln und nicht alles glauben, was über Brasilien da draußen erzählt wird."

Format

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Sprachen
Brasilianisch/Portugiesisch.
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Autor: Brot für die Welt/Niko Wald
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